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Greise, Grausen und Hackepeter!

Ein ganz normaler Tag in Deutschland ist angebrochen. Draußen ist auch alles vollkommen normal. Es regnet, manchmal mischt sich auch die ein oder andere Schneeflocke dazwischen. Befriedigt grinse ich in mich hinein, als ich raus schaue. “Das sind höchstens 2 Grad! Ach Bernd, wat n schönes schlechtes Wetter.“ Aber ich muss mich beeilen. Ich gehe in die Küche, mache mir eine Kanne Kaffee, ziehe mir den Bademantel über und platziere mich bequem auf dem Sessel vor dem Fenster. Gleich muss es losgehen.
Und schon ist der Erste da. Ein alter Mann im Rollstuhl nähert sich einer unsichtbaren Markierung auf dem Platz, bei der er abrupt abbremst und stehen bleibt. „Wie macht er das nur immer“ schießt es mir durch den Kopf. Und schon nähern sich weitere Menschen. Eine Frau mit Krückstock kommt langsam heran, gefolgt von einer etwas jüngeren Dame mit Einkauftüten. Letztere beschleunigt, lässt die Alte hinter sich und kommt gerade rechtzeitig an der unsichtbaren Mauer zum stehen.
Befriedigt grinse ich in mich hinein und öffne das Fenster. Nun geht es also los.
„Hallo! Hallo, junge Frau! Ich war zuerst hier“ versucht die Alte möglichst freundlich heraus zu bringen.
„Na denn würden se jawohl kaum hinter mir stehn, oder?“ antwortet die jüngere unwirsch und wirft ihr schütteres Haar arrogant nach hinten.
„Also diese jungen Leute, keinen Respekt vorm Alter.“
Das hat gesessen. Irgendwie tröstet es mich, dass auch ich in jedem Alter in den Genuss kommen werde, als junger Mann bezeichnet zu werden. Bei der älteren Generation ist es vollkommen egal, wie alt man wirklich ist. Solange man nur eine Stirnfalte weniger besitzt als das Gegenüber, ist man ein junger Herr. Arrogant zwar, und ohne Respekt vor dem Alter, aber doch jung. Und man muss schließlich Prioritäten setzen, gerade heute, wo sich Botox seinen Weg in die Kinderzimmer erkämpft. Ich stelle mir vor wie ich im Alter von 75 auf einen 80 Jährigen treffe und als junger Spund bezeichnet werde, weil ich unhöflich war. Ich trinke einen großen Schluck Kaffee auf meine ewige Jugend!
Unten geht es indessen weiter.
Die drei auf dem Platz haben sich in einer Reihe aufgestellt, um klar zu machen, dass sie nicht einfach so da stehen. Nein, sie warten auf etwas.
Als ich dieses Schauspiel zum ersten Mal sah war ich noch irritiert und rief ihnen zu, dass die Bushaltestelle 100 Meter weiter weg ist, und dass sie da wo sie stehen lange warten könnten. Zum Dank wurde mir ein Vogel gezeigt.
Erst viel später verstand ich, die eigentümliche Logik der Mumien. Sie stellen sich um halb neun an einer nicht vorhandenen Linien an und warten, bis um 10 Uhr endlich ein Fleischer Wagen kommt, bei dem sie sich für einen ganzen Tag mit leckeren Produkten gepökelter und geräucherter Tiere eindecken. Anscheinend kaufen sie nie mehr, denn sie kommen jeden Tag. Und weil sie so früh da sind, müssen sie natürlich nicht mehr Schlange stehen, wenn der Wagen da ist!
Ich hatte einmal die Vermutung, der Fleischer wäre eigentlich ein Geldwäscher oder Dealer für billiges Aspirin und imitierte Klosterfrau Melissengeist. Das hat sich jedoch nicht bestätigt. Als ich der heißen Spur nachging und den Fleischer danach fragte, wo er den„guten Scheiß versteckt“, und dass er nicht versuchen solle mich zu verarschen, bekam ich ein Pfund Hackepeter vom Vortag ins Gesicht geschleudert. Seit dem schaue ich vom Fenster aus zu und rufe nur ab und an etwas Aufmunterndes runter.
„Mein Gott ist das warm hier drinnen, muss ich erstmal das Fenster aufmachen! Is draußen auch so warm? Man, man…da will man ja nicht ma den Hund vor die Tür setzen!“
Für heute habe ich mir aber was anderes vorgenommen. Ich hole mein Megafon und mache meine Durchsage.
„Achtung, Achtung! Hier spricht die Polizei. Räumen sie den Platz! In Kürze findet hier eine Demonstration der Anti-Fleisch-Bewegung Mitteldeutschland statt. Eine Gegendemonstration ist nicht polizeilich angemeldet und wird bei Bedarf mit Wasserwerfern aufgelöst werden. Bitte räumen sie den Platz.“
Oh, ich bin wirklich ein aufgewecktes Kerlchen! Ich freue mich, dass die Leute tatsächlich fluchtartig den Platz verlassen. Nun ist es aber Zeit für mich, auch endlich runter zu gehen. Schließlich habe ich gestern meine gesamte Habe in Billigfleisch investiert, dass ich nun an der nächsten Ecke verkaufen möchte.
Damit es auch wirklich funktioniert, habe ich in der letzten Nacht mit Kreide eine Linie gezogen und sie mit „Bitte in Reihe anstellen!“ beschriftet. Ich denke, dass ich die Leute dort treffen werde, wenn ich später mit meinem Fleisch unten ankomme.

Ein Kommentar

  1. Hab ich es doch gewusst, dass die betagten Fleischhehler vom Vorplatz sich Deiner Würdigung nicht entziehen können. Jetzt kann ich mit einem ausgewachsenen Dauergrinsen den heutigen Tag ausklingen lassen. Ich will mehr davon ;)


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Der Beitrag wurde am 1. Dezember 2008 um 23:38 veröffentlicht und wurde in der Kategorie bernds meckerbissen gespeichert. Du kannst Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen TrackBack auf deiner Seite einrichten.